Ist Sucht das, was man denkt?

Eine Laborratte in einem düsteren, grauen Käfig. Gefilmt in nüchternem schwarz- weiß.

«Nur eine Droge macht so süchtig, dass neun von zehn Laborratten sie wollen. Wieder und immer wieder. Bis sie daran sterben. Diese Droge heißt Kokain. Und sie kann bei Ihnen die gleiche Wirkung haben.»

Die musikalische Untermalung dazu klingt unheilvoll. Mit zwei Wasserflaschen konfrontiert wählt die Ratte die mit Kokain versetzte Flasche und nicht das reine Wasser. Dann plötzlich sieht man die Ratte tot im Käfig liegen. Dieses im US-amerikanischen Fernsehen von der Partnerschaft für ein drogenfreies Amerika gezeigte Video zementierte das kulturelle Mem, das Sucht als gigantisches Monster, als ein unausweichliches medizinisches Problem sieht, fest im Bewusstsein ein.

Als ich meinen Master of Arts für Unternehmensberatung machte, erkannte ich schon sehr früh, dass mich postmoderne Behandlungsmethoden interessieren, bei denen es darum geht, beim Klienten emotionale und existentielle Bedeutungsverschiebungen und Erkenntnisse hervorzurufen – in erster Linie durch Hypnose sowie durch die damit verbundenen Ansätze der motivierenden Gesprächsführung, lösungsorientierten Kurztherapie sowie narrativen Therapie.

Mir wurde klar, dass Sucht ein medizinisches Problem darstellt, eine Argumentation, die schon auf Benjamin Rush zurückgeht, den «Vater der amerikanischen Psychiatrie» und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der USA, der um 1784 das Konzept der Sucht nach psychoaktiven Substanzen ins Leben rief.

Aber dann stieß ich auf ein Konzept, das mich innehalten ließ – ein guter Trip oder ein Horrortrip auf LSD hat mehr mit der Stimmung und den Erwartungen des Konsumenten vor der Einnahme der Droge zu tun, als mit der Menge oder der Qualität der eingenommenen Droge.

Sucht ist nicht das, was man denkt

Bei einem medizinischen Problem macht das nicht wirklich Sinn. Ich hätte es aber kommen sehen müssen. Schließlich wusste ich ja schon, dass 80 Prozent der Wirksamkeit der bis 2008 von der US-amerikanischen Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA zugelassenen sechs führenden Antidepressiva auf Placebo- oder suggestiver Wirkung beruht.

Wenn es sich bei Sucht vorrangig um eine medizinische Erkrankung handelt, sollten die wirksamsten Behandlungsmethoden für Sucht auch medizinischer Natur sein. Im Rahmen der Metaanalyse von 381 Studien zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit wurden 48 Behandlungsmethoden ausgemacht und ihrer Wirksamkeit nach eingestuft.

Die wirksamste medizinische Intervention, der GABA-Agonist (Acamprosat) rangiert an dritter Stelle, die nächstbeste medizinische Behandlungsmethode in der Liste ist erst auf Rang 22 zu finden – die antidipsotrope Substanz Disulfiram.

Wenn Sucht also kein einfaches biochemisches, medizinisches Problem ist, was dann?

Was sind nun die besten Behandlungsmöglichkeiten? Hypnose rangiert in der Liste auf Platz 31. Dies kann aber auf die große Vielfalt an Interventionen zurückzuführen sein, die im Entspannungszustand vorgenommen werden können. Wir benötigen noch mehr seriöse Studien, die spezifische hypnotische Interventionen bei Sucht untersuchen.

Die schlechteste Behandlungsform? Aufklärungs- und Informationskampagnen rund um das Thema Alkohol. Das überrascht keineswegs, denn wenn man jemanden dazu bringt, mehr über Alkohol nachzudenken, trinkt er auch mehr!

In meiner Lieblingsstudie wurden die Teilnehmer aufgefordert, mehrere Flaschen Cabernet Sauvignon zu 90 $ und 45 $ mit Flaschen zu 10 $ und 5 $ zu vergleichen. Funktionelle Magnetresonanztomographien des Gehirns zeigten bei Weinen mit den teureren Etiketten erhebliche Veränderungen im Lustzentrum des Gehirns – obwohl es sich allesamt um Weine gleicher Qualität handelte.

Wahrnehmung schafft Wirklichkeit auf der neurologischer Ebene.

Sucht ist genau das, was man denkt

Ein bedeutendes kulturelles Narrativ dreht sich um die Macht illegaler Drogen, die stabile Existenzen zerstören, gleich einem unwiderstehlichen Monster. Doch während Drogengebrauch recht gängig ist – einer von drei Erwachsenen konsumiert im Laufe seines Lebens irgendwann eine illegale Droge –, kommt es selten zu Sucht.

Sucht ist ein biopsychosoziales Problem.

Sie hat weniger mit chemischer Wirkung zu tun, sondern viel mehr mit dem persönlichen und sozioökonomischen Zustand des Konsumenten.

Ich mag Ratten nicht besonders, aber wenn ich eine Ratte in einem entsetzlichen grauen Käfig wäre, würde ich mich wahrscheinlich auch für die Droge als Ausweg entscheiden.

Was passiert jedoch, wenn eine rattenfreundlichere Umgebung geschaffen wird? Sägespäne, Hamsterräder, Verstecke und, wohl am wichtigsten, andere Ratten? In dieser Situation ist es 19 Mal unwahrscheinlicher, dass die Ratten das mit der Droge versetzte Wasser konsumieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Suchtverhalten entwickelt, sinkt um das 19-Fache.

Sämtliche Medikationen werden in einem psychosozialen Kontext verabreicht. Insbesondere die Wirkung einer psychoaktiven Droge hängt von der Vorgeschichte und den Erwartungen des Einzelnen ab. Eine Erklärung für wiederholten Drogenkonsum findet sich eher in psychischer Abhängigkeit als in physischer Abhängigkeit. Drogen rufen Körperempfindungen hervor, die von der Wahrnehmung her bedeutungslos sind. Diesen Empfindungen wird dann eine Bedeutung beigemessen, wenn wir sie mit einer Geschichte verknüpfen. Eine mangelnde menschliche Verbundenheit ist die Hauptkomponente bei der Ausbildung einer Sucht.

Süchtig machendes Erbe

Dann gibt es noch die verhaltensmäßige Epigenetik – die «weiche Vererbung» der emotionalen Ausrichtung. Durch traumatische Umstände bilden sich chemische Flusen an Ihrem Erbgut. Histon und Methylmoleküle können an Ihren Genen andocken und deren Expression bewirken. Diese chemischen Marker können an die Nachkommen weitergegeben werden.

In der Praxis wirkt sich das so aus, dass Ihre Kinder aufgrund der epigenetischen Methylierung, die Sie weitergeben, mit höherer Wahrscheinlichkeit auch traumatisiert sind, wenn Sie in der Vergangenheit ein Trauma erlebt haben. Diese chemischen Anhalter lassen sich durch bessere, gesündere Lebenserfahrungen oder Therapie, beispielsweise Hypnose, entfernen.

Wir wissen, dass eine epigenetische Regulation und nicht bloße behavioristische Belohnung für das Verständnis der Entwicklung von Suchtverhalten kritisch ist. Ein Hang zur Sucht kann als weiche Vererbung weitergegebenen werden. Somit liefert die Bewertung des Verhaltens keine direkten Maßstäbe für vermehrten Drogenkonsum oder Sucht.

Im Wesentlichen bedeutet dies, dass das Zell- oder Molekulargedächtnis für das Verständnis von Sucht mindestens genauso wichtig ist wie das Verhaltensgedächtnis. Das kann insbesondere für drogenungebundene oder verhaltensmäßige Süchte (in meinem Verständnis substanzungebundene Süchte) gelten und ein epigenetisches Verständnis der Genregulation verspricht neuartige Ansätze für das Verständnis und die Behandlung von Sucht.

Denken Sie jedoch daran, dass Epigenetik die Lösung in der Debatte Nature vs. Nurture (Veranlagung versus äußere Einflüsse) ist. Diese Antwort zeigt uns, dass die äußeren Einflüsse nicht nur gewinnen, sondern dass sie auch derart übermächtig sind, dass sie gegenüber der Veranlagung tonangebend sind. Da es sich hierbei um eine weiche epigenetische Vererbung handelt (keine harte genetische Vererbung), lässt sie sich durch Veränderungen im Umfeld oder durch therapeutische Veränderungen beseitigen.

Hypnose sorgt für ein anderes Gefühl

Emotionen steuern das Verhalten, Geschichten formen Emotionen und kreieren Bedeutung. Die Lösung bei suchtmäßigem Verhalten beinhaltet eine Bedeutungsverschiebung dahingehend, wie der Klient die Wirkungsweise der Substanz oder des Verhaltens wahrnimmt.

Bei genauerer Untersuchung scheint Sucht im Grunde genommen ein biopsychosoziales Problem zu sein, kein biochemisches Problem. Wir wissen bereits, dass Hypnose der größten wissenschaftlichen Studie zu diesem Thema – einer umfangreichen Metaanalyse der Universität von Iowa, bei der 633 Studien zur Raucherentwöhnung untersucht wurden, an der 71.806 Personen teilnahmen – zufolge das wirkungsvollste Mittel ist, um das Rauchen aufzugeben.

Hypnose ist doppelt so wirkungsvoll wie medizinische Interventionen, wenn es darum geht, mit dem Rauchen aufzuhören.

Die medizinischen Interventionen sind eine biochemische Lösung, Hypnose hingegen ermöglicht eine fundamentale Bedeutungsverschiebung auf emotionaler Ebene.

Die Wirkung psychotroper Drogen ergibt sich vor allem aus den Erwartungen der Konsumenten, suchtmäßigem Verhalten ergibt sich aus der Lebenserfahrung des Konsumenten. Alles, was sich durch ein Placebo oder Suggestionen bewirken lässt, ist ein hervorragender Kandidat für eine Hypnoseintervention. Nachdem wir erkannt haben, dass Veränderungen hinsichtlich der Bedeutung kritisch für die Überwindung einer Sucht sind, wird Hypnose ein zunehmend attraktiverer Behandlungsansatz, der es wert ist, eingehender untersucht zu werden.

Dr. Fredric Mau, USA
D.Min., M.A., M.Div., LPC, NCC, DCC, BCH, CI
NGH Board Certified Hypnotherapist, NGH Certified Instructor of Hypnosis
Internet: http://watermarkcolumbia.com

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